Einsichten und Ansichten von Architekturfotograf HG Esch

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Herr Esch, was fasziniert Sie an Immobilien und Architektur?

Ich habe schon sehr früh angefangen, Architektur zu fotografieren – schon als Schüler habe ich Burgen und Schlösser fotografiert und meine Faszination für Bauwerke ist bis heute geblieben. Ich mag es sehr, mich in meinen Fotos einer Architektur zu nähern und sie durch meine Fotos zu verstehen. Dies ist immer wieder spannend, weil ich mich auf jede Architektur neu einlassen muss und jedes Bauwerk hat einen eigenen Charakter, den es zu entdecken und zu dokumentieren gilt.

Worauf kommt es bei der Immobilienfotografie an?

Bei Auftragsarbeiten und im Besonderen bei der Fotografie von Immobilien ist natürlich der Kontext wichtig. Ich achte dann sehr darauf, dass die Funktion der jeweiligen Immobilie deutlich wird. Die Fotografie weist auf die Nutzung des Gebäudes hin und dies schließt auch den städtebaulichen Zusammenhang ein.

Muss man ein professionell ausgebildeter Fotograf sein, um einer Immobilie auf einem Bild „ein Wesen“ zu geben?

Man muss gar nichts – natürlich hilft mir meine jahrelange Erfahrung in der Architekturfotografie, schnell eine Immobilie zu verstehen – es gehört aber auch viel Intuition dazu.

Meine Routine lässt mich mein Architekturverständnis in Fotografien umsetzen. Ich kann da wirklich nur für mich sprechen. Ich versuche nicht, einer Immobilie ein „Wesen“ zu geben, sondern das bereits vorhandene „Wesen“ einer Immobilie zu entdecken und in Fotografie zu übersetzen.

Haben Sie Tipps für den Hobby-Fotografen, wie er eine Immobilie richtig inszeniert?

Ich denke, ein Fotograf sollte sich einer Immobilie erst fotografisch annähern, wenn die Idee hinter dem Gebäude erkannt ist. Dann weiß der Fotograf, welche Perspektiven und Einstellungen wichtig sind, um das Gebäude adäquat zu dokumentieren. Dabei ist das Ausnutzen verschiedener Lichtstimmungen wichtig, um die Charakteristik des Gebäudes herauszuarbeiten. Ich bevorzuge z.B. die sogenannte „Blaue Stunde“, kurz nach Sonnenuntergang bzw. vor Sonnenaufgang. Die Kontraste sind dann noch nicht so stark und das fahle Licht lässt eindrucksvolle Gesamtansichten zu.

Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Mir geht es in der Immobilien-Fotografie darum, die Architektur in meinen Fotos verständlich zu machen. Der Betrachter, der nur die Fotos sieht und das reale Gebäude nicht kennt, muss sich eine möglichst genaue Vorstellung von dem Gebäude machen können. Und dies ist meine Aufgabe, genau das mit meinen Fotografien zu erreichen.

Was kann gute Immobilien-Fotografie bewirken? Warum ist sie wichtig?

Wie gesagt, die Fotografie vermittelt einen genauen und wirklichkeitsnahen Eindruck der Architektur durch das Medium. Die Wichtigkeit liegt auf der Hand – nur so können Kunden und potentielle Käufer auf die spezifische Besonderheit einer Immobilie aufmerksam gemacht werden und sich im wahrsten Sinne des Wortes durch Fotografie ein Bild der Architektur machen.

Hand aufs Herz: Wie viel Prozent ist inszeniert?

Da muss ich Sie enttäuschen – was soll bei der dokumentarischen Fotografie eines Gebäudes inszeniert sein? Ich kann nur das ablichten, was auch da ist. Natürlich setze ich Licht und Perspektiven ein, die meiner Meinung nach die Seele eines Gebäudes am Besten widerspiegeln, aber inszeniert ist da nichts! Manchmal frage ich Passanten, ob sie mir durch das Bild laufen, um Architektur zu beleben, aber das ist auch alles.

Alles Photoshop? Wie viel Bearbeitung steckt hinter einem Bild einer Immobilie?

Auch hier muss ich Sie enttäuschen – ich fotografiere Realität, die ich nicht manipuliere. Meine Fotos zeigen das, was ich sehe, so wie ich es sehe. Wenn ich Photoshop nutze, dann nur, um einen Baukran im Bildhintergrund zu entfernen oder ein gekipptes Fenster zu schließen.

Was war Ihr aufregendstes Erlebnis, als Sie ein Bild eingefangen haben?

Da gibt es tatsächlich unendlich viele, da ich auf der Suche nach spannenden und neuen Perspektiven auf vielen Hochhausdächern der Welt unterwegs war.

Beeindruckend war das Fotografieren einer 360 Grad Rotunde im letzten Jahr in Shanghai. Dafür erhielten wir eine Spezialgenehmigung, um vom Dach des Jin Mao Towers zu fotografieren. Der Jin Mao Tower steht im Shanghaier Stadtteil Pudong, ein Gebiet mit der größten Hochhausdichte der Welt. Da oben - in fast 400 Meter Höhe - zu stehen und auf das sich in die Unendlichkeit erstreckende Häusermeer zu blicken, das war fantastisch.

Oder in den Nuller Jahren haben wir einmal einen ganzen Tag auf dem Dach des MetLife Buildings (ehemals das PanAm Gebäude) mitten in Manhattan verbracht – quasi in Augenhöhe zwischen Chrysler Building und dem Empire State Building – um Aufnahmen von New York in verschiedenen Tageslichtsituationen zu realisieren. Solche Shootings sind unvergesslich.

Was sind nach Ihrer Einschätzung die Trends im Bereich der Immobilienfotografie?

Ein wichtiger Punkt ist es, nachhaltige Architektur zu zeigen und in den Fotografien zu featuren und darauf hinzuweisen – wenn das Gebäude dies her gibt. In meinen Augen wird es immer wichtiger, die Nutzung des Gebäudes in den Vordergrund zu stellen. D.h. das Gebäude ist für Menschen gebaut, also zeige ich auch in meinen Fotos eine belebte Architektur in der sich Menschen bewegen, arbeiten oder wohnen und hoffentlich auch wohlfühlen.

 

Informationen zu Hans-Georg Esch

Hans-Georg Esch, geboren 1964 in Neuwied, absolvierte eine klassische Fotoausbildung. Seit 1989 arbeitet er als freischaffender Architekturfotograf für nationale und internationale Architekturbüros und zählt heute zu den renommiertesten Vertretern seines Fachs. Neben Auftragsarbeiten ist dabei ein eigenständiges Oeuvre freier künstlerischer Arbeit entstanden, in dem Esch den Blickwinkel auf die gesamte Stadt öffnet. Bekannt wurden die vielfach international ausgestellten und in mehreren Buchpublikationen veröffentlichten Serien wie »Megacities«, »City and Structure« oder »Cities Unknown«, die sich mit heutigen Boom-Citys westlicher wie insbesondere auch asiatischer Prägung beschäftigen. Esch lebt und arbeitet in Hennef/Stadt Blankenberg. Er arbeitet regelmäßig für COPRO.